Behandlungskonzept
Pathologische Glücksspieler, die z.B. an Geldspielautomaten schon mit beginnender Adoleszenz (Pubertät) spielten, sind oft schon im Alter von 18 Jahre bis 30 Jahren rehabilitationsbedürftig. Casinospieler und -spielerinnen haben oft erst später mit dem Glücksspiel begonnen und sind daher bei Rehabilitationsbeginn älter. Manche Menschen beginnen mit dem Glücksspiel im höhern Lebensalter, um mit dem erhofften Gewinn der Familie Gutes zu tun oder um in Gesellschaft zu sein. Die Fachklinik Fredeburg hat für diese Klientel nach altersspezifischen Erfordernissen ein individuelles Angebot entwickelt: Nach der Aufnahme- und Orientierungsphase werden
- jüngere Patienten in eine Juniorengruppe verlegt
- Glücksspielerinnen werden in einem geschlechtsspezifischen Setting behandelt
- Glücksspieler im erwerbsfähigen Alter finden in einer altersspezifischen Gruppe einen Behandlungsplatz
- Für ältere Glücksspieler verfügen wir über Seniorengruppen
Wir arbeiten in Therapiegruppen und bieten ergänzende Einzelgespräche an.
Abstinenzorientierung
Unser Behandlungsangebot setzt voraus, dass unsere Patienten während der medizinischen Rehabilitation abstinent von Glücksspiel aber auch anderen süchtig machenden Stoffen sind (Ausnahme: Tabak). Unser individueller Behandlungsansatz berücksichtigt begleitende Krankheitsbilder wie z.B.
- Tabakabhängigkeit
- Alkoholabhängigkeit
- Schädlicher oder abhängiger Drogenkonsum
- Adipositas/bingeeating
- Hirnleistungstraining
Indikative Gruppe zur Glücksspielabstinenz
Die Indikative Gruppe für pathologische Glücksspieler findet wöchentlich statt. Sie wird zweimal wöchentlich ergänzt durch die Themenzentrierte „Suchtgruppe“, in der eine Auseinandersetzung mit Sucht und Abhängigkeit erfolgt und eine emotionale Akzeptanz der Abhängigkeit sowie eine lebensbejahende Abstinenzmotivation erarbeitet wird. Sie wird vertieft durch die Arbeit an der Hintergrundproblematik der Abhängigkeitserkrankung in der Therapiegruppe.
Die Indikative Gruppe für pathologische Glücksspieler und Glücksspielerinnen besteht aus den folgenden verschiedenen Bausteinen:
1. Vorstellung der Teilnehmer
Die Gruppenmitglieder berichten die eigene Suchtentwicklung und beschreiben die Krise, die zur Einleitung der Rehabilitationsmaßnahme führte. Sie nennen Erwartungen bzw. Ziele, die sie durch die Indikative Gruppe pathologisches Glücksspielen erreichen wollen.
2. Abstinenzregel - Glücksspielabstinenzvertrag
Wir erarbeiten mit unseren Patienten gemeinsam eine Einsicht in die Notwendigkeit lebenslanger Abstinenz vom Glücksspiel und schließen mit ihnen eine Glücksspielabstinenz-Vereinbarung ab. Casinospieler stellen einen Antrag auf Selbstsperre bei den Spielcasinos. Zur Einhaltung der Abstinenzregelung werden Kreditkarten z. B. im Safe der Klinik hinterlegt. Es wird empfohlen, das Übergangsgeld bzw. ein Taschengeld auf das Patientenkonto in der Klinik zu überweisen.
3. Umgang mit Geld und Schuldenregulierung
Damit die verfügbare Geldmenge keinen Anreiz zum Glücksspiel darstellt, wird mit den Patienten ein begrenzter Umgang mit Geld in eigener Verantwortung vereinbart, damit das Rehabilitationsziel erreicht werden kann. Hierzu führen unsere Patienten Buch zur Selbstkontrolle ihrer Ausgaben und üben, ihre Freizeit unabhängig von Geld zu gestalten. Der Wert von und der Umgang mit Geld muss wieder neu erlernt werden. Für eine selbstverantwortliche Gestaltung der Zukunft ist es erforderlich, sich den negativen Folgen des Glücksspiels zu stellen. Falls eine Schuldnerberatung nötig ist, bieten wir mit unserem klinischen Sozialdienst Hilfen zum Schuldenmanagement an. Häufig ist zur Fortsetzung des Schuldenmanagements ein Kontakt zur Schuldnerberatung am Heimatort herzustellen. Durch die Regelung der finanziellen Verhältnisse kann das Gefühl der Aussichtslosigkeit überwunden und die Abstinenzmotivation gestärkt werden.
4. Verlauf der Krankheit bis hin zu Glückspielsucht
Die Patienten werden psychoedukativ über das Krankheitsbild informiert. Sie diskutieren ihren jeweils eigenen Krankheitsverlauf. Dabei erkennen sie ihre eigenen, oft unbewussten Motive, die sie zum Glücksspiel brachten. Durch die Schilderungen ihrer Mitpatienten können sie sich entlasten, weil sie nicht allein in diese Not geraten sind. Anhand von Videofilmen wird Glücksspielverhalten diskutiert, süchtiges Verhalten erkannt und auf die eigene Person bezogen. Ausgehend von den eigenen Erfahrungen können gemeinsam individuelle Alternativen zum Glücksspiel erarbeitet werden.
5. Psychodynamische Aspekte des Glücksspielverhaltens
Da die meisten (80 - 90 %) Glücksspieler Männer sind, wird die Beziehung zum Vater und ihre Bedeutung für die Entwicklung einer männlichen Identität reflektiert, bei Frauen die Beziehung zur Mutter. Oft wurden Glücksspieler von ihren gleichgeschlechtlichen Elternteilen entwertet oder im Stich gelassen. Häufig richten sich unbewusste Beziehungsappelle an das gleichgeschlechtliche Elternteil. Vor diesem Hintergrund erscheint das Glücksspielen nicht mehr als Versagen oder Schuld, sondern kann als Kampf um einen angemessenen Kontakt zu den Eltern bewertet werden. Wir interpretieren das Glücksspielen als einen unbewussten, letztlich selbstzerstörerischen Beziehungsappell, als unbewusste Wünsche und Erwartungen an die eigene Person bzw. wichtige Bezugspersonen. Auf diesem Wege kann die Frage beantwortet werden, wozu das Glücksspiel so wichtig war, dass es zum zentralen Lebensinhalt wurde. Da in der Vergangenheit diese Versuche scheiterten, sollen in der Klinik diese Wünsche erkannt und erfolgreicher kommuniziert werden.
6. Rückfall - Prävention
Die Bedeutung von Geld im Alltag wird am individuellen Beispiel behandelt. Risikosituationen werden lösungsorientiert thematisiert. Anhand des Ausgabenbuches wird das Konsumverhalten in Beziehung zu der jeweiligen Stimmungslage gesetzt, um auslösende Situationen besser zu erkennen. Mit der Methode „Rückfall paradox“ („Was muss ich tun, um rückfällig zu werden?“) werden auslösende Situationen präziser erkannt und Möglichkeiten zur Überwindung des „Suchtdrucks“ erarbeitet.
7. Gemeinsamkeiten mit anderen Suchterkrankungen
Ziel dieses Therapie-Bausteins ist den Suchtcharakter des Glücksspielverhaltens zu erkennen und auf Symptomverlagerung in andere Süchte hinzuweisen und die Patienten zu sensibilisieren. Das Verhalten am Arbeitsplatz, die Gestaltung der Freizeit und der persönlichen Beziehungen sind hierbei zentrale Themen. Gemeinsam erarbeiten wir individuelle Lösungen, die eine zufriedenstellende Lebensführung eröffnen. Die Bedeutung helfender Kontakte wie Selbsthilfegruppen (z.B. GA, anonyme Spieler, Game Over) und Suchtberatungsstellen für die Stabilisierung der Abstinenzzuversicht wird nachdrücklich betont. Sie werden während des Realitätstrainings („Externe Therapietage“) etwa vier bis zwei Wochen vor Ende der Rehabilitationsmaßnahme verpflichtend aufgesucht. Diese Besuche werden in der Therapiegruppe vor- und nachbereitet. Wir empfehlen indikationsgeleitet die ambulante Nachsorge bzw. vermitteln zur erfolgversprechenderen Rückkehr ins Erwerbsleben in Adaption.
Behandlungsdauer
Stationäre Rehabilitation setzt an den individuellen Erfordernissen an.
In der Fachklinik Fredeburg werden Patienten behandelt, die neben den pathologischen Glücksspielen eine stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung (Alkohol, Medikamente, Cannabis, usw.) haben. Die Behandlung dauert bis zu 16 Wochen, bei jungen Patienten auch darüber hinaus.
Hat Ihr Suchtberater, Arzt oder Psychologe neben dem Glücksspielen eine Persönlichkeitsstörung (vom narzisstischen Typ), aber keine weitere Abhängigkeitserkrankung diagnostiziert, ist die Behandlungszeit zumeist 12 Wochen.
Pathologischen Glücksspielern mit einer depressiv- neurotischen Störung oder einer Persönlichkeitsstörung vom selbstunsicher/vermeidenden Typ ist als Psychosomatische Klinik mit einem spezifischen Angebot für Glücksspieler z.B. die Fachklinik Hochsauerland zu empfehlen.